Montag, 18. Dezember 2017

Haut, Spiegel meiner Seele

Ausgabe 2017.12/2018.01
Seite 1 von 2

Pickel bei Stress, Neurodermitis-Schub durch Überlastung, Fieberblasen bei Ekel: Warum Stress und Emotionen Hautkrankheiten verstärken und sogar auslösen können.


Foto: iStock-efenzi

Als größtes Organ des Menschen reagiert die Haut oft sichtbar auf die Umwelt: Einmal ist sie gerötet, dann juckt sie, manchmal kommt ohne Vorwarnung ein lästiges Wimmerl an die Oberfläche. Und nicht selten zeigen sich diese Symptome noch stärker, wenn Stress ins Spiel kommt. Prof. Dr. Uwe Gieler, Dermatologe und Facharzt für psychosomatische Medizin, und Dr. Elisabeth Adleff, Psychologin und Psychotherapeutin, erklären, warum Haut und Psyche so eng miteinander verbunden sind. Die Haut wird nicht umsonst als Spiegelbild der Seele bezeichnet: Ärger, Scham, Furcht – all diese Emotionen können ihre Spuren auf unserer Oberfläche hinterlassen. „Menschliche Gefühle zeigen sich sehr häufig über Hautveränderungen, auch wenn wir bis heute nicht ganz genau wissen, wie Gefühle in die Haut kommen“, erklärt Prof. Gieler, der sich bereits in zahlreichen Büchern und Publikationen mit diesem faszinierenden Phänomen beschäftigt hat. Das beginnt schon bei unreiner Haut, die laut dem Mediziner fast immer etwas mit der psychischen Befindlichkeit zu tun hat. Kein Wunder also, dass Hautleiden mit Abstand der häufigste Grund sind, wieso Menschen einen Arzt aufsuchen: „Bei 20 bis 30 Prozent der Patienten in den allgemeinärztlichen Ordinationen geht es um Krankheiten der Haut wie Allergien, Akne, Leberflecke, Warzen.“

Allergien bringen Konflikte an die Oberfläche. Dass Hauterkrankungen innerpsychische Konflikte symbolisch darstellen können, ist seit Langem bekannt. „Bei Allergien spielen psychische Faktoren häufiger eine Rolle, als man lange Zeit angenommen hat“, betont der Hautarzt. „Gerade weil hier meist Allergene als Auslöser nachweisbar sind, werden die begleitenden psychischen Faktoren gerne vernachlässigt.“ Insbesondere Angststörungen sind bei Allergikern häufiger zu finden. Das regelmäßige Auftreten allergischer Reaktionen bei psychogener Belastung wurde schon früh untersucht: So konnten Wissenschafter bereits 1963 nachweisen, dass allergische Überempfindlichkeiten durch Hypnose gehemmt werden können. Gieler: „Daher ist es durchaus sinnvoll, ein Allergieproblem nach der dermatologischen Abklärung auch immer unter einem psychosomatischen Blickwinkel anzusehen.“

Akne beeinflusst die Lebensqualität enorm. Akne kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Gieler weiß aus Untersuchungen, „dass nicht weniger als 20 bis 40 Prozent der Akne-Patienten psychische Probleme haben.“ Erschöpfung, Magen- und Herzbeschwerden treten bei ihnen häufiger auf. Unsicherheit und Sensibilität sind höher, die eigene Attraktivität wird als niedrig eingestuft. Einige Studien weisen sogar auf ein erhöhtes Selbstmordrisiko insbesondere bei männlichen Betroffenen mit schwerer Akne hin. „Umgekehrt haben psychische Faktoren definitiv Einfluss auf die Ausprägung der Akne. Bei einem Großteil kommt es zu einer Verschlimmerung bei Stress, so zeigt sich bei Studien ein vermehrtes Auftreten von Pickeln unter Prüfungsbedingungen“, so Gieler.  

Schuppenflechte bricht in Stressphasen aus. Wie eng Haut und Psyche miteinander verknüpft sind, wird bei chronischen Hauterkrankungen wie Neurodermitis, Schuppenflechte oder Nesselsucht besonders deutlich. Diese Erkrankungen werden unter anderem durch eine Fehlregulation des Immunsystems ausgelöst, die wiederum durch seelische Faktoren beeinflusst werden. Typisch für diese Erkrankungen ist zudem ein Auftreten in Schüben. Das bedeutet, dass es Zeiten geben kann, in denen die Hautveränderungen kaum oder gar nicht sichtbar sind. Im Zuge eines Schubes kommt die Erkrankung wieder offensichtlich oder verstärkt zum Vorschein. Gieler: „Hier erleben Betroffene oft, dass Belastungen die unangenehmen Symptome wie Juckreiz oder Hautrötungen verstärken.“ Gieler erinnert sich an einen Patienten, dessen Schuppenflechte genau zu jenem Zeitpunkt zum ersten Mal ausgebrochen ist, als er den Betrieb seiner Eltern übernahm und er mit seiner schwangeren Lebensgefährtin zusammenzog. Der Mann fand sich nicht mit seinem Schicksal ab, konsultierte Gielers Sprechstunde für Psychodermatologie in Gießen und bekam seine Krankheit wieder gut in den Griff: „Durch eine psychoanalytische Therapie, in der diese Hintergründe bearbeitet wurden, wurde er nachhaltig symptomfrei.“ Das unterstreichen auch Studienergebnisse zum Thema: „Sie konnten zeigen, dass Menschen, die das Gefühl hatten, die Probleme des Lebens selbst anpacken und bewältigen zu können, seltener Schübe hatten als diejenigen, die sich der Erkrankung hilflos ausgeliefert fühlen.“

Stressreize als Auslöser für chronische Hautprobleme. Wer emotional stabil ist und es schafft, in seinem Alltag eine gute Balance zwischen Stress und Entspannung herzustellen, hat erfahrungsgemäß eher selten mit Hautproblemen zu kämpfen. „Zeigt sich eine Hautreaktion aber als chronische – also hartnäckige und andauernde und immer wieder auftretende – Erscheinung, so ist es neben einer medizinischen Abklärung und Therapie ratsam, psychologischen Rat einzuholen“, sagt die Salzburger Psychologin und Psychotherapeutin Dr. Elisabeth Adleff, die sich auf Hautprobleme spezialisiert hat. Manchmal sind die Auslöser einer Hauterkrankung Ausnahmesituationen wie ein Umzug, die Trennung vom Partner oder der Tod eines nahen Angehörigen. Auch Alltagsstress schwächt das Immunsystem und erhöht das Risiko für Hautprobleme. Sehr oft sind es allerdings immer wiederkehrende Stressreize in der Lebenswelt des betroffenen Menschen, die mithilfe der Psychologin identifiziert und analysiert werden können. Adleff: „Die große Herausforderung besteht darin, sich dieser Stressreize bewusst zu werden und diese dann zu benennen. Manchmal haben sich nämlich die mit dem Stressor verknüpften Gefühle verselbstständigt.“ Neben einer klassischen Psychotherapie bietet Adleff speziell für Neurodermitis-Patienten auch das sogenannte Neurofeedback-Training an: Hierbei wird besonders deutlich sichtbar und spürbar, wie sehr Hirn und Krankheitsausprägung miteinander verknüpft sind: „Mithilfe dieser Methode kann das Gehirn gesunde Zustände umsetzen und erkennen, und es kommt damit Schritt für Schritt zu einer Reduktion der Symptome.“ Viele Patienten berichten von erfolgreichen Behandlungen.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Haut, Spiegel meiner Seele
Seite 2 Interview

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