Freitag, 24. Mai 2019

Die Haut Spiegel der Seele

Ausgabe 04.2015
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Das Wechselspiel von Körper und Seele zeigt sich besonders deutlich auf der Haut. Psychische Probleme können Hauterkrankungen verursachen oder verstärken, diese wiederum belasten die Psyche.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - photography33

Die Haut gilt als Spiegel der Seele. Doch der Bezug zwischen Haut und Psyche war lange Zeit ein großes Rätsel, das die Wissenschaft erst in den vergangenen Jahren zu lösen begonnen hat. Heute weiß man, dass die Haut über das Nervensystem in unmittelbarem Kontakt zur Psyche steht und sich psychische Probleme oft auf der Haut bemerkbar machen. Die Haut ist nicht nur das größte menschliche Organ, sie ist auch das einzige Organ, dessen Zustand unmittelbar sichtbar ist. Sie ist ein Paradebeispiel für die grundlegende Einheit von Körper und Psyche. „Erst vor einigen Jahren hat man entdeckt, dass die Haut ein neuroimmunologisches Organ ist. Heute weiß man, dass unser Nervensystem bis in die oberste Hautschicht reicht. Dort sind Botenstoffe aktiv, die eine Verbindung zwischen den Nerven und den Immunzellen der Haut herstellen“, erklärt Dr. Renate Simma, Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten und Psychotherapeutin in Linz. Dem Volksmund ist diese Verbindung von Haut und Psyche längst bekannt. Redewendungen wie „unter die Haut gehen“, „eine dünne Haut haben“, „das juckt mich nicht“ oder „aus der Haut fahren“ sind dafür Beleg.

Wenn die Seele Hilfe schreit

Beispiele von Hauterkrankungen, die laut Dr. Simma häufig im Zusammenhang mit psychischen Problemen stehen:

Nesselausschläge deuten häufig darauf hin, dass man etwas will, was aber nicht möglich ist. Etwa, wenn einem der Arbeitsplatz nicht mehr gefällt, man diesen aber nicht verlassen kann, weil man eine Familie zu versorgen hat. Die Symptome der Haut sind hier Ausdruck einer im Moment nicht lösbaren Lebenssituation.
Ein Hautausschlag signalisiert in vielen Fällen, dass der Betroffene genauer hinsehen soll, was im Leben nicht stimmt. Oft ist es ein Zuviel, das man dann entdeckt. Ein Zuviel an Essen oder ein Zuviel an psychischen Eindrücken und Einflüssen. Oft ist es ein Zuviel an dem, was man sich selbst zumutet und auflädt. Wehrt man sich nicht dagegen, entsteht oft ein Konflikt, der über die Haut ausgedrückt wird.

Bei der Neurodermitis geht es häufig um den Freiraum, „Seines“ zu leben, und um zu spüren, was man will und nicht will; um das Abgrenzen; oder um das Neinsagen zu lernen. Es geht auch um das Aushalten der Tatsache, dass es Konflikte gibt und dass diese zum Leben dazugehören. Wichtig ist es, zu lernen, für sich einzustehen und gleichzeitig in Beziehung bleiben zu können.

Blass vor Schreck, rot vor Scham. Eine heftige Emotion wie z. B. großer Ärger führt zu einer erhöhten Adrenalinausschüttung, wodurch sich die Gefäße weiten. Äußerlich sichtbares Resultat ist eine Rötung auf Wangen oder Hals. Ein weiteres Beispiel eines sichtbaren Ausdrucks von Emotionen ist die sogenannte Gänsehaut. Hier richten sich Körperhärchen bei Aufregung und Angst auf. Angst kann uns zudem Schweiß auf die Stirn treiben. Die Erklärung für den Haut-Psyche-Bezug liegt in der Verbindung von Haut und Nervensystem, für die Wissenschaftler laufend neue Beweise finden. Der Gießener Psychodermatologe Uwe Gieler nennt als Beispiel eine aktuelle Entdeckung zum Phänomen Juckreiz (Pruritus): „Früher glaubte man, das Signal erreicht das Gehirn über die Schmerzbahnen. Heute wissen wir, dass es spezielle Juckreizfasern gibt, die über das Rückenmark ins Gehirn führen, und zwar in Areale, die stark mit Emotionalität in Verbindung stehen und völlig unabhängig vom Schmerz sind.“ Körper und Psyche sind aus gesundheitlicher Sicht nicht zu trennen, beide sind eng miteinander verwoben. Vor allem bei chronischen Problemen des Körpers ist zumeist ein psychischer Anteil der Erkrankung gegeben. Bestehen dauerhafte emotionale und psychische Konflikte, können diese krank machen und sogenannte psychosomatische Beschwerden auslösen.

Die Haut reagiert auf Stress und Veränderung. Stress schwächt das Immunsystem, stört die Schutzmechanismen der Haut und macht sie anfällig für Erkrankungen. Stress kann Ursache von Entzündungen und Integritätsverlust der Haut sein. Freilich bekommt nicht jeder Mensch bei Stress (im Sinn einer länger dauernden Belastungssituation) Hautprobleme. „Manche bekommen Schmerzen, manche Probleme mit dem Magen, das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Psychische Belastungssituationen wirken sich auf die individuellen Schwachpunkte eines Menschen aus“, so Dr. Simma. Aber nicht nur Stress in Form von starker innerer oder äußerer Belastung ist hier gemeint. So stellen in der Biografie des Menschen die Zeiten von Veränderungen „stressige“ Zeiten dar, etwas Neues will gelernt werden. Dr. Simma erläutert dies anhand von Beispielen: „In der Praxis sehen wir bei Kindern immer wieder das Auftreten von Warzen bei Eintritt in Kindergarten oder Schule oder bei Schulwechsel. In der Pubertät geht es um Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, um das Sich- unterscheiden von der elterlichen Welt bei großer Unsicherheit, was das Eigene denn ist. Und dieses Hinausgehen in die Welt wird dann noch durch Pickel erschwert, keine leichte Situation. Ähnlich ist es bei der ersten Liebe. Hier tritt sehr oft eine Eiterflechte auf, oder eine bestehende Neurodermitis verschlechtert sich. Genau dann, wenn man das gar nicht braucht. Selbst im Erwachsenenalter zieht sich das Muster fort. Bei Hochzeiten etwa gibt es gar nicht so selten Hautausschläge. Dahinter kann die Frage stehen: Gebe ich mich in Beziehungen auf oder gelingt es mir, meine Person, mein Leben auch in einer Beziehung zu leben? Welch eine Herausforderung, insbesondere für feinhäutige Menschen!“ Fazit: Die Haut reagiert auf innerliche Unruhezustände. Ist man ständig angespannt, mit sich oder anderen im Konflikt und erlebt man sich unter Strom, dann drückt sich diese Daueranspannung oft durch Hauterkrankungen aus.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Die Haut Spiegel der Seele
Seite 2 Wechselwirkungen

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