Sonntag, 16. Juni 2019

Auf Herz & Nieren getestet

Ausgabe 07-08/2010
Sicherheit für den Konsumenten ist bei der Entwicklung von Kosmetika oberstes Gebot. Wir haben beim Verein für Konsumenteninformation bezüglich Wirkung, Verträglichkeit und Prüfverfahren nachgefragt.

Foto: A. Rohde - istockphoto.com
Funkelnde Flakons, farbenfrohe Tiegel und viele Werbeversprechen – haben Sie schon einmal überlegt, was mit einem Kosmetikprodukt passiert, bevor Sie es in Drogeriemarkt oder Parfümerie kaufen? Jede Creme, jede Lotion hat eine Vorgeschichte, sie durchläuft Test- und Versuchsserien, die vor allem Ungiftigkeit und Verträglichkeit garantieren sollen. Viele Marken werben z.B. ausdrücklich damit, dass ihre Produkte ohne Tierversuche auskommen. Was eigentlich hinfällig ist. Denn die EU hat diese ohnehin stufenweise verboten. Seit März 2009 besteht laut Kosmetikrichtlinie ein tief greifendes Testverbot. Auszug aus der Richtlinie: „Kosmetische Fertigerzeugnisse, deren Bestandteile oder Kombinationen von Bestandteilen an Tieren getestet worden sind, sind verboten, inklusive Vermarktungsverbot.“ Wie Tierschützer ankreiden, sind vereinzelte Ausnahmen jedoch noch bis 2013 erlaubt – unter anderem Tests zur Überprüfung der Toxizität von Wirkstoffen. Nach Inkrafttreten der Änderungsrichtlinie wären auch für diese spezifischen Tests ungeachtet der Verfügbarkeit von Alternativen alle Schlupflöcher zu. Vorsicht jedoch vor Angeboten aus dunklen Kanälen, warnt Konrad Brunnhofer, Projektleiter Kosmetik beim Verein für Konsumentenschutz (VKI).

Geprüfte Produktsicherheit
Was bedeutet das Verbot nun in der Praxis? Die Kosmetikindustrie bedient sich bei ihrer Forschungsarbeit schon seit längerem weitgehend der In-vitro-Methode. Bei diesem Alternativ-Verfahren werden Rohstoffe und Fertigprodukte an Zellkulturen, von im Reagenzglas nachgebildeter Haut, auf ihre Verträglichkeit und ihren Nutzen hin durchleuchtet. Wo dies nicht möglich ist, etwa beim Sonnenschutz, wird an Probanden – in vivo – gegen Honorar getestet. Diese „menschlichen Versuchskaninchen“ nehmen dafür das Risiko etwaiger Unverträglichkeiten sowie allergischer Reaktionen in Kauf. Die häufigsten Auslöser von Allergien sind übrigens Duft- und Konservierungsstoffe.

„De facto sind alle Kosmetika und Rohstoffe lückenlos auf ihre Unbedenklichkeit hin durchgecheckt. Jedes Produkt muss über ein Sicherheitsdossier verfügen, das vom Bundesministerium für Gesundheit geprüft wird. Diese Dinge werden also sehr ernst genommen“, so der Konsumentenschützer. Er ist überzeugt, dass im Parfümerie- und Drogeriehandel keine Cremes und Lippenstifte mehr angeboten werden, welche an Tieren getestet wurden.

Vorsicht bei Internetprodukten
Anders jedoch bei Präparaten, die im Internet oder in anderen, unkontrollierbaren Quellen auftauchen. „Ich rate hier dringend zur Skepsis“, meint Brunnhofer. „Oft werden Produkte gehandelt, die die strengen Auflagen keineswegs erfüllen und deren Wirksamkeit auch fragwürdig ist.“

Wirken die Inhaltsstoffe?
„Wir führen Gemeinschaftstests mit anderen Konsumentenorganisationen z.B. Stiftung Warentest, aber auch produktabhängig, Tests im eigenen Haus durch, die wir in der Zeitschrift ,Der Konsument‘ publizieren (www.konsument.at).“ Für den Chemiker Brunnhofer ist etwa die Wirksamkeit von Anti-Aging-Produkten eher zu vernachlässigen, und auch die Cremes gegen Altersflecken wirklich befriedigend abgeschnitten. Allerdings räumt er ein, dass je nach Konzentration bzw. bei optimaler Abstimmung der Inhaltsstoffe bei einzelnen Marken sehr wohl positive Effekte eintreten.

Sich grundsätzlich täglich einzucremen bringe viel, speziell für die Feuchtigkeitsversorgung der Haut. Als Beispiele für eine nachgewiesene Funktion führt der Chemiker etwa die Hyaluronsäure an – diese bindet Wasser – oder auch den Harnstoff Urea als bedeutenden Feuchtigkeitsversorger. Auch Ceramide wie Q 10 schützen die Haut vor der Austrocknung.

Nicht der Preis entscheidet
Für sehr bedenklich hält Brunnhofer das Schönheitsideal Bräune. „Eine gesunde Bräune gibt es nicht. Sobald ich braun werde, hat das schon mit Hautalterung zu tun. Wenn schon Sonne, dann nie ungeschützt. Lichtschutzmittel haben einen sehr hohen Nutzen und Wirkungsgrad.“ Ob Vitamine tatsächlich einen Hautschutz oder auch ein schöneres Hautbild bringen, darüber gäbe es nach Auffassung des Experten zu wenig fundierte Studien. Seine Empfehlung: „Treten unerwünschte Reaktionen auf, lassen Sie diese umgehend vom Hautarzt anschauen.“

Hautpflege macht also grundsätzlich Sinn. Nur sind es nicht unbedingt die teuersten Kosmetika, die uns schön machen und jung erhalten. Resümee des Konsumentenschützers: „In unseren Tests schneiden nicht selten Billigprodukte am besten ab.“


NACHGEFRAGT:

Wie wird in Ihrem Konzern getestet?

Gesünder Leben erkundigte sich bei den beiden Kosmetikkonzernen L’Oréal und Beiersdorf, wie sie die Prüfung ihrer Erzeugnisse auf Verträglichkeit und Wirksamkeit handhaben.
  • „Wir verzichten seit fast zwanzig Jahren endgültig auf Tierversuche. Um dennoch hochwertige und sichere Produkte auf den Markt zu bringen, hat L’Oréal die Entwicklung der so genannten alternativen Testmethoden konsequent vorangetrieben. Diese ersetzen heute die Tierversuche. Die L’Oréal-Forscher waren unter den Pionieren des bahnbrechenden Unterfangens, Haut in vitro herzustellen und dafür menschliche Lederhaut- und Oberzellenhaut zu verwenden. Für ihre Arbeit an der nachgebildeten Haut wurden unsere Forscher vom französischen Tierschutzverband OPAL ausgezeichnet.“
Dr. Veronika Lang, Medizinisch-wissenschaftliche Leitung, L’Oréal

  • „Unser Unternehmen ist davon überzeugt, dass die Entwicklung kosmetischer Produkte auf die Nutzung von Tieren zu Versuchszwecken verzichten muss. Deshalb führen wir auch seit zwanzig Jahren keine Tierversuche mehr durch. Die Tests für Entwicklungs- und Fertigprodukte werden an Zellen im Reagenzglas in vitro durchgeführt und später an freiwilligen Probanden in vivo auf Verträglichkeit und Wirkung getestet. Dadurch kann Beiersdorf die höchstmögliche Sicherheit für Verbraucher gewährleisten.“
Dr. Susanne Weichselbaum, Konzernkommunikation, Beiersdorf


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