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GESUNDHEIT & VITALITÄT

Gegen falsche ‚Feinde‘

Das Immunsystem irrt. Es macht mobil, obwohl kein Grund dazu besteht: An sich harmlose Pollen sind nun wieder bis in den Spätsommer unterwegs und machen Allergikern das Leben schwer. Warum das so ist und wie Sie Beschwerden lindern können. Von Eva Rohrer

Es geht wieder los. Kaum wird es wärmer, setzen die ersten Pflanzen ihren Blütenstaub frei. Hasel (je nach Witterung Ende Jänner/Anfang Februar) waren die ersten Allergieboten im Jahr, gefolgt von Erle und Zypressen. Jetzt im April sind die Birkenpollen-Allergiker die Leidtragenden. 

So schön die Birke auch aussieht mit ihrem weißen Stamm und den filigranen Blättern, etwas mehr als die Hälfte aller Allergiker reagieren auf diesen Baum. Etwa ab Ende April/Anfang Mai starten die ersten Gräser, die dann bis in den Juli/August plagen können. Auch davon sind viele Menschen betroffen. 

Genau lässt sich die jeweilige Pollenflugzeit nicht festlegen, weil sie von den jeweiligen klimatischen Bedingungen abhängt und mal früher, mal etwas später, besonders intensiv oder mäßig belastend verläuft, sprunghaft oder langsam ansteigt. Aufgrund der Klimaveränderungen beginnt die Blüte der bekannten Allergieauslöser immer früher, dauert länger und wird teilweise auch intensiver. 

Gar nicht harmlos 
Als „Heuschnupfen“ werden die Symptome landläufig bezeichnet, was harmloser klingt als es ist. Mediziner sprechen von „allergischer Rhinitis“, der Reaktion des Immunsystems, die durch Kontakt mit Pollen hervorgerufen wird: Rinnende oder verstopfte Nase, Niesen, juckende Augen, Bindehautentzündung. 

Da der Pollenflug der jeweiligen Pflanze zeitlich begrenzt ist, klingt das nicht schlimm. Doch reagieren viele Betroffene auch auf andere Allergene (weitere Pollen oder bei Kreuzallergien mit anderen Nahrungsmitteln, die ähnliche Eiweißstoffe enthalten). So lösen zum Beispiel oft rohe Äpfel Beschwerden im Mund bei Birkenpollenallergikern aus. 

In die nächste Etage 
Außerdem kann sich die Allergie von den oberen Atemwegen auf die unteren, also Richtung Lunge, ausbreiten und sogar Asthma auslösen. Dies bezeichnet man als Etagenwechsel. Kinder, Erwachsene bis hin zu älteren Menschen können von Allergien betroffen sein. So ist es durchaus möglich, dass über 65-Jährige erstmals damit konfrontiert sind. 

Und wer schon in der Kindheit oder als junger Erwachsener darunter gelitten hat, entwickelt im Laufe der Jahre meist noch weitere Überreaktionen des Immunsystems. Auch Neurodermitis steht oft mit einer Allergie in Zusammenhang. 

Deshalb rät Dr. Markus Berger, HNO-Assistenzarzt und Leiter des Österreichischen Polleninformationsdienstes: „Menschen, die auf Frühblüher reagieren, sollten rasch einen allergologisch versierten Facharzt für Haut-, HNO-, Lungen- oder Kinderkrankheiten aufsuchen!“ Eine frühe Behandlung kann nicht nur die Beschwerden lindern, sondern auch deren Verschlimmerung vorbeugen. 

Was passiert bei einer Allergie? 
Im Mittelpunkt steht hier das Immunsystem. Dessen Aufgabe ist es, unseren Organismus vor Feinden wie etwa Bakterien oder Viren zu schützen. Es macht rasch mobil. Ziel der Abwehr sind die Eiweißstoffe der Eindringlinge, diese werden bekämpft. Bei Allergikern kann das Immunsystem nicht zwischen den Eiweißstoffen von gefährlichen und völlig harmlosen Fremdkörpern unterscheiden. 

Sie bilden Abwehrstoffe, sogenannte IgE-Antikörper. Kommt der Organismus wieder mit den Pollen in Kontakt, wird die Ausschüttung von Histamin und anderen Gewebehormonen ausgelöst, um die vermeintlichen Feinde zu bekämpfen. Dabei kommt es zu Entzündungen an den Kontaktstellen der Schleimhaut und den bekannten Beschwerden. Dafür reichen schon geringste Mengen. 

Es kann jeden treffen 
Grundsätzlich kann, wie erwähnt, jeder an einer Allergie erkranken, das Risiko steigt jedoch bei gehäuftem Auftreten in der Familie. Frauen aufgrund der hormonellen Situation häufiger als Männer. In Österreich leiden etwa 1,5 bis 2 Millionen Menschen an „Heuschnupfen“. Und dabei plagen nicht „nur“ die üblichen Symptome wie rinnende Nase, juckende Augen und Niesattacken. 

Der ganze Körper ist letztendlich betroffen, weil man auch oft schlecht schläft und die Leistung abfällt. Ein Allergietest bringt Klarheit, ob und worauf das Immunsystem falsch reagiert. Univ.-Dozent Dr. Felix Wantke vom Allergiezentrum Floridsdorf, Wien, in der „Ärzte Krone“: „Dieser muss aber richtig interpretiert werden. Eine Allergie liegt vor, wenn Patienten sowohl einen positiven Test als auch Beschwerden haben. Bei einer allergischen Sensibilisierung ist zwar der Test positiv, Betroffene sind aber beschwerdefrei. In diesem Fall muss nicht behandelt werden.“ 

Auf Spurensuche 
Hauttests (beim Pricktest zum Beispiel wird die Haut leicht geritzt und die vermuteten Allergene werden in geringer Dosierung aufgebracht) sind nach wie vor die Standarduntersuchung, zur näheren Abklärung kann noch ein Bluttest erfolgen. Dabei wird die Anzahl der spezifischen Immunglobulin-Antikörper (IgE) untersucht, die der Körper bei allergischen Reaktionen bildet. 

Weiters kann bei Bedarf ein Lungencheck erfolgen. Mit sogenannten molekularen Tests (sind eine Privatleistung) ist es möglich, aus dem Blut bis zu 300 Allergene zu testen. Ob dies im Einzelfall sinnvoll wäre, lässt sich im ärztlichen Gespräch klären. Therapiert wird den Symptomen entsprechend. Etwa mit Antihistaminika und sogenannten topischen Steroiden, also lokal eingesetztem Cortison als Sprays, Tropfen oder Cremes für die Haut. 

Diese lindern bzw. verhindern Entzündungen und Beschwerden. Individuell wird ein entsprechender Therapieplan erstellt für geringe, mäßige und starke Belastung, ob hauptsächlich Nase, Augen, Haut oder gar Lunge betroffen sind oder eine Kombination. 

Bei der Ursache ansetzen 
Ganz anders funktioniert die sogenannte allergenspezifische Immuntherapie, die Hyposensibilisierung. Dozent Wantke: „Es ist dies die einzige Behandlung, welche die Allergie an der Wurzel packt. Das betreffende Allergen wird in langsam steigender Dosierung zugeführt, mit dem Ziel, dass es das Immunsystem schließlich toleriert. 

Die Behandlung erfolgt in Tabletten-, Tropfen- oder Spritzenform und wird in der Regel über drei Jahre fortgeführt, bei Insektengift fünf Jahre.“ Wer sich nicht sicher ist, ob eine Allergie besteht, sollte ein Pollentagebuch führen (wird etwa vom Polleninformationsdienst angeboten, siehe Info-Kästchen) und die Beschwerden eintragen, wann, unter welchen Umständen und wie intensiv diese plagen. Eine hilfreiche Unterstützung für die ärztliche Diagnose.

Belastung im Zwei-Jahres-Takt
Die Pollen der Birke sind ein starkes Allergen. Sobald die Temperaturen über einen längeren Zeitraum 15 Grad und mehr betragen, gibt der Baum den Blütenstaub aus den zuvor gebildeten länglichen, zapfenartigen Blütenständen ab. 

Ein kleiner Trost für Birkenpollen-Allergiker: Nur jede zweite Saison belastet stark. Wenn der Baum im April sehr intensiv blüht (die Blütenanlagen entwickeln sich schon im Sommer davor), bilden sich sehr viele Samen aus, davon muss er sich dann sozusagen erholen und legt über den Sommer nicht so viele Blüten für den nächsten April an.

Neue Pflanzen, neue Allergien
Ragweed macht seit Jahren im Spätsommer Probleme, ebenso der einjährige Beifuß, dessen Ursprung Asien und die Balkanländer sind. Der aus China stammende Götterbaum verbreitet sich in Österreich und gehört ebenso zu den Allergieauslösern. Die Purpurerle macht manchen dann noch im Dezember Beschwerden.

Tipps für den Alltag
• Bei hoher Belastung (die Tage der stärksten Freisetzung, bei Wind, langer Trockenheit usw.) möglichst wenig im Freien aufhalten. Infos zur tagesaktuellen Situation zum Beispiel unter www.polleninformation.at
• Bei Sport im Freien unter hoher Pollenbelastung kann das Tragen einer Maske schützen. Mit einer Sonnenbrille lässt sich der Kontakt der Augen mit dem Blütenstaub verringern.
• In den meisten Autos sind bereits Pollenfilter eingebaut, regelmäßig wechseln lassen, damit sie gut wirken!
• Waren Sie im Freien? Die Kleidung nicht im Schlafzimmer ausziehen und ablegen, damit dieses unbelastet bleibt. Bei hohen Pollenwerten ist es auch empfehlenswert, die Haare beim nach Hause kommen zu waschen.
• Lüften spät am Abend oder sehr früh am Morgen. Pollenschutzgitter halten die meisten Pollen fern.
• Gewaschene Wäsche bei hoher Belastung besser nicht im Garten oder auf dem Balkon aufhängen, um zu verhindern, dass die Pollen daran hängen bleiben. (weitere Infos www.allergenvermeidung.at)

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